Impuls am Odilienberg: Die heilige Odilia zwischen Legende und Gründung

Impuls am Odilienberg: Die heilige Odilia zwischen Legende und Gründung

„Sie wan uns d’rüss ha, awer das packe sie nit.“

Eine klare Aussage dreier Frauen am 12.9.2026 im Hof des Heiligtums auf dem „Mont Sainte Odile“, des heiligen Berges – durch Mimik, Gestik und den elsässischen Dialekt bekräftigt.

Wer will wen draußen haben?

Das war meine Frage, die wir zunächst selbstverständlich auf französisch (Elsässer sind schließlich Franzosen), dann in einem französisch-elsässischen Mischmasch erörterten.

Eine knappe Antwort der Damen:

  • atheistischen Laizisten in Frankreich ist die Gläubigkeit (vor allem der katholischen) Elsässer und Lothringer verdächtig
  • Laizisten, denen der politische Status von Elsass-Lothringen ein Dorn im Auge ist, betrachten das Elsass als einen störenden Fremdkörper in der ansonsten einheitlichen Französischen Republik

Was setzen die Damen diesen Menschen entgegen?

  • die Kraft des Gebetes, das sich seit 1931 in der Form der Ewigen Anbetung (adoration perpétuelle) auf dem Odilienberg ausdrückt

Was versteht man unter Ewiger Anbetung?

  • Sie ist zunächst eine spirituelle Bewegung,
  • dann organisatorisch ein spirituelles Netzwerk engagierter Frauen und Männer
  • und schließlich eine Tradition.
  • Wöchentlich reisen in einer Art Staffellauf Gruppen von adorateurs – Anbetern aus den verschiedenen Diözesen, die das Ganze organisieren, an, um das 24-stündige Gebet für die Kirche im Elsass, für Frieden und Versöhnung ohne jede Unterbrechung aufrechtzuerhalten. Für die Damen bedeutete das Folgendes: gemeinsame Anreise, Einteilung der 2-Stunden-Schichten für die Gruppe und Gebete der Tagesliturgie (von der Laudes, dem Morgengebet, bis zur Vesper, dem Abendgebet. Ihre Tagesschicht war von Mitternacht bis 2 Uhr morgens. Dauer: eine Woche, mehrmals im Jahr.

Der historische Hintergrund

  • Bis 1681 war z.B. Straßburg eine deutsche Reichsstadt. Unter Ludwig XIV. kam Elsass-Lothringen zu Frankreich, wurde nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg 1870-71 jedoch ins Deutsche Reich integriert, kam nach der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg wieder zu Frankreich und war von 1940 bis 1945 von den Deutschen besetzt. In den Vogesen richteten die Nationalsozialisten ein KZ ein, das Lager Natzweiler-Struthof, das von 1941 bis 1944 existierte. Mindestens 22.000 Menschen starben im Lagerkomplex oder wurden ermordet.
  • Nach dem 2. Weltkrieg wurde Elsass-Lothringen französisch. Obwohl Frankreich ein streng zentralistischer Staat ist, durften die drei Départements (Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle) rechtliche Besonderheiten (droit local) aus der deutschen Zeit (1871–1918) oder davor behalten (z.B. sind im Unterschied zum restlichen Frankreich Karfreitag und Stefanstag Feiertage!).

Das bleibende Erbe

  • Da das Elsass seine Sonderrechte behalten konnte, beruhigte sich die politische Situation. Nach der deutsch-französischen Aussöhnung bot sich der Odilienberg als signe de repentance, als national-religiöses Sühnezeichen an, und die von Bischof Ruch etablierte Struktur der Ewigen Anbetung blieb dadurch weiterhin bestehen.
  • Der heilige Berg des Elsass ist heute das Herz der regionalen katholischen Identität und ein Widerstandssymbol gegen die Säkularisierung. Die Anbetung ist eine friedliche, aber bedeutsame Demonstration der Stärke gegen alle laizistischen Zentralisierungsversuche aus Paris ……
  • Und genau das haben meine drei Gesprächspartnerinnen unmissverständlich zum Ausdruck gebracht!

Angela Madaus

Die Trennung von Kirche und Staat

  • Nach dem Ende der Französischen Revolution war es am 15.7.1801 zu einem Konkordat (Staatskirchenvertrag) zwischen dem französischen Staat unter Napoleon Bonaparte und Papst Pius VII. gekommen, in dem der Katholizismus als „Religion der großen Mehrheit des französischen Volkes“ anerkannt wurde und der Staat sich zur Entlohnung der Priester und Bischöfe verpflichtete, während der Vatikan auf Entschädigungen für enteignete Kirchengüter verzichtete. 
  • 1805 wurde jedoch die Laïcité als Verfassungsprinzip der strengen Trennung von Staat und religiösen Institutionen bei gleichzeitiger Gewährleistung der Glaubensfreiheit eingeführt. Daher versuchte die Linksregierung unter Edouard Herriot ab 1924, das Prinzip auch im Elsass durchzusetzen, was einen Kulturkampf auslöste (Demonstrationen, Generalstreik usw.) 1925 musste der  Conseil d´Etat einlenken, und er bestätigte das Napoleonische Konkordat als Droit local (Lokales Recht).
  • In der Zwischenkriegszeit zwischen dem 1. Und dem 2. Weltkrieg wurde immer wieder von Staats wegen versucht, diese religiösen Sonderrechte zu beschneiden.
  • Vor allem Bischof Charles Ruch stellte sich schützend vor das Elsass, und in diesem Zusammenhang wurde 1931 die Ewige Anbetung auf dem Odilienberg eingerichtet.