Die Geschichte der heiligen Odilia (auch Ottilie genannt) gehört zu den faszinierendsten Überlieferungen des mitteleuropäischen Frühmittelalters. Aus historisch-kritischer Sicht fällt das Leben Odilias in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts und die ersten Jahrzehnte des 8. Jahrhunderts – eine Epoche des Umbruchs im fränkischen Reich.
Odilia war die Tochter des elsässischen Herzogs Eticho (auch Adalrich genannt) und dessen Gemahlin Bersinda.
Die älteste schriftliche Quelle zu ihrem Leben, die Vita Odiliae, entstand allerdings erst im 10. Jahrhundert.
Die Hagiografie zeichnet ein dramatisches Bild von Odilias Kindheit.
Als erstes Kind des stolzen Herzogs Eticho geboren, löste sie bei ihrem Vater Enttäuschung aus: Er hatte einen männlichen Erben erwartet. Als sich herausstellte, dass das Mädchen blind zur Welt gekommen war, verfiel der Herzog in Wut. Er empfand das blinde Kind als Schande für sein Haus und befahl, Säugling und Amme zu töten. Ihre Mutter Bersinda konnte das Kind retten und ließ es heimlich in das Frauenkloster Palma bringen. Dort wuchs das Mädchen auf, ohne seine wahre Herkunft zu kennen und ohne das Augenlicht zu besitzen.
Das Wunder der Heilung ereignete sich im Alter von zwölf Jahren: Der heilige Erhard, Bischof von Regensburg (oder nach anderen Quellen der heilige Hidulf von Trier), erhielt in einer göttlichen Vision den Auftrag, nach Palma zu reisen und ein blindes Mädchen zu taufen. Er berührte die Augen des Kindes und sprach:
„Im Namen unseres Herrn Jesus Christus sollen deine Augen geöffnet werden.“
In diesem Moment erlangte das Mädchen das Sehvermögen.
Man gab ihr den Taufnamen Odilia, was übersetzt „Tochter des Lichts“ bedeutet.
Als Odilias jüngerer Bruder Roswin von der wundersamen Heilung erfuhr, holte er seine Schwester heimlich zurück auf die elterliche Hohenburg. Als der Vater Eticho das Mädchen sah, geriet er erneut in Zorn und schlug seinen Sohn in einem Anfall rasender Wut so unglücklich, dass dieser verstarb. Voller Reue nahm der Vater seine Tochter schließlich im Haushalt auf, behandelte sie jedoch eher wie eine Dienstmagd.
Als Odilia im heiratsfähigen Alter an einen reichen Adligen verheiratet werden sollte, verweigerte sie sich. Sie hatte ihr Leben Gott geweiht. Um der erzwungenen Ehe zu entgehen, floh sie über den Rhein in die Gegend des heutigen Schwarzwalds oder der Südpfalz. Die Legende erzählt, dass die Schergen ihres Vaters sie auf der Flucht fast eingeholt hätten. In ihrer Not betete Odilia, woraufhin sich eine Felswand öffnete, sie aufnahm und vor den Verfolgern verbarg. Der Vater erkannte in diesem Naturwunder den Willen Gottes, gab seinen Widerstand auf und söhnte sich mit seiner Tochter aus.
Als Zeichen der Versöhnung schenkte Herzog Eticho seiner Tochter seine Burganlage auf der Hohenburg. Odilia baute die Wehranlage zwischen 680 und 690 in ein Frauenkloster um, das rasch zu einem geistlichen und kulturellen Zentrum des Elsass wurde. Zahlreiche adlige Frauen schlossen sich Odilia an, um nach den Regeln der Benediktinerinnen zu leben.
Da der Weg auf den steilen Berg für viele kranke und schwache Menschen zu beschwerlich war, gründete Odilia um das Jahr 700 am Fuße des Berges das Kloster Niedermünster mit einem dazugehörigen Hospital. Sie starb am 13. Dezember um das Jahr 720 im Kreis ihrer Mitschwestern auf der Hohenburg.




