Becker

„Wunden in Perlen verwandeln“. Vergebung stand im Mittelpunkt der Eucharistiefeier am 24. Sonntag im Jahreskreis in St. Andreas

Ein Sandkorn gerät in eine Muschel. Es stört, es reizt, vielleicht verletzt es sogar. Doch die Muschel beginnt, den Fremdkörper Schicht für Schicht mit Perlmutt zu umgeben. Am Ende ist aus dem, was wehgetan hat, eine Perle geworden.

Dieses Bild griff Pfarrer Dietmar Hermann am Sonntag, 13. September, in seiner Predigt in St. Andreas auf.

Auch die Fürbitten nahmen die Wunden unserer Welt in den Blick: Kriege, Terror, Gewalt und Ungerechtigkeit. Gebetet wurde um Frieden, Versöhnung und darum, dass Kirchen und Religionen zur Verständigung beitragen.

Zur Feier des Gottesdienstes trugen an diesem Sonntag viele Menschen bei. Besonders danken wir Laura Gomolla für den Lektorendienst, Cornelia Becker als Kommunionhelferin und Verena Schöttler an der Orgel.

Unsere Gottesdienste leben davon, dass Menschen ihre Zeit, ihre Begabungen und ihre Freude am gemeinsamen Feiern einbringen.

Predigt im Wortlaut

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Heute geht es im Evangelium um das Thema Vergebung. Petrus meint, er sei großzügig, weil er bereit ist, bis zu siebenmal zu vergeben. Doch Jesus sagt: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal, also praktisch unbegrenzt. Das Evangelium erinnert an Gottes Barmherzigkeit, Gnade und Liebe, die er uns unbegrenzt anbietet und die wir weiterschenken sollen.

Das verdeutlicht auch das Gleichnis vom König, der von seinen Dienern Rechenschaft verlangt. Der eine Diener schuldet ihm zehntausend Talente. Das – so könnte man grob sagen, um sich ein Bild zu machen – entspricht heute ungefähr 40 Millionen Euro. Die kann er natürlich nicht zurückzahlen. Der König entlässt ihm alle Schuld, weil er barmherzig ist.

Da begegnet der Diener einem andern, der ihm hundert Denare schuldet, das entspricht in ähnlicher Umrechnung ca. 40 Euro.

Doch in dem Augenblick, in dem ihm der König seine übergroße Schuld erlassen hat, ist er nicht bereit, seinem Mitdiener die kleine Schuld zu erlassen. Für diese Unbarmherzigkeit übergibt der König den Diener seinen Peinigern.

Jesus schließt mit der Mahnung, dass es uns genauso ergehen wird, wenn wir unserem Bruder und unserer Schwester nicht von ganzem Herzen vergeben.

Doch was heißt: von ganzem Herzen vergeben?

Manche verwechseln vergeben mit nachgeben. Teilen wir das Wort in seiner Zusammensetzung auf: ver – geben. Darin steckt etwas geben, vergeben heißt hier: weggeben!

Interessant ist, dass Vergebung heute auch ein wichtiger Aspekt in der  Psychologie ist. Dabei hat Vergebung immer mehrere Schritte, die natürlich nicht immer in gleicher Reihenfolge sind, aber sich festmachen lassen.

Hier möchte ich mal ein paar Elemente der Vergebung beschreiben:

1. Ich würdige meinen Schmerz. Mir hat es weh getan. Ich muss den Schmerz also selbst mir eingestehen, auch wenn er mich wütend macht und ich ihn nicht will!

2. Ich lasse meine Wut zu. Die Wut ist die Kraft, mich von dem was ich nicht will, zu distanzieren. Dann verwandle ich meine Wut in die Kraft: Ich will was anderes, Ich will selber leben, ich lasse mich nicht kaputt machen.

3. Ich versuche, objektiv zu analysieren, was da geschehen ist. Hat ein anderer seine eigene Verletzung mir weitergegeben? Oder hat er eine meiner wunden Stellen getroffen? Verstehen heißt nicht entschuldigen, sondern es stehen lassen.

4. Ich vergebe und befreie mich dadurch von der Macht des andern. Denn wenn ich nicht vergeben kann, kreise ich ständig um den andern und gebe ihm dadurch Macht über mich. Vergebung ist also ein Akt der Befreiung. Ich lasse die Verletzung beim andern, aber nicht in meinem Herzen.

5. Ich vertraue darauf, dass meine Wunden in Perlen verwandelt werden. Die Verletzung hat mich aufgebrochen, sie hat mich sensibler werden lassen. Und vielleicht bin ich durch die Verletzung reifer und weiser geworden. Es ist meine Aufgabe, aus der Opferrolle auszusteigen und mich aufbrechen zu lassen für mein wahres Selbst. Dieses wahre Selbst kann nicht mehr verletzt werden. Da bin ich heil und ganz. Da können verletzende Worte nicht eindringen. 

Der Satz „Die Kunst der Menschwerdung besteht darin, unsere Wunden in Perlen zu verwandeln“ ist ein bekanntes spirituelles Zitat, das der heiligen Hildegard von Bingen zugeschrieben wird.

Wie eine Muschel, die einen schmerzhaften Fremdkörper (wie ein Sandkorn) Schicht für Schicht mit Perlmutt umhüllt und dadurch ein kostbares Juwel entstehen lässt, können auch Menschen mit ihren seelischen Verletzungen umgehen.

Schmerz, Enttäuschungen oder Traumata werden nicht einfach ausgelöscht. Sie werden durch Vergebung, Reife und Zuwendung angenommen und im Laufe der Zeit in etwas Wertvolles verwandelt.

Mit dem Gleichnis will uns Jesus einladen, zu vergeben.

D.h. die Schuld, den Schmerz, die Wut anzunehmen, zu bearbeiten und weg zu geben.

Das Gebet des Vaterunsers erinnert uns immer wieder auch daran zu vergeben.

Die Vergebung erleichtert und weitet das Herz.

Und sie befreit von dem ständigen Kreisen um die Verletzungen, die immer wieder erlitten werden.

Amen.

Ein Kommentar zu „„Wunden in Perlen verwandeln“. Vergebung stand im Mittelpunkt der Eucharistiefeier am 24. Sonntag im Jahreskreis in St. Andreas“

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